Jede Weltanschauung gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi

Einen der faszinierendsten Bibelverse über die Notwendigkeit einer robusten biblischen Weltanschauung finden wir gegen Ende des 2. Korintherbriefs. Der Apostel Paulus schreibt der jungen Gemeinde in einem Umfeld, das von dem christlichen Glauben entgegenstehenden Philosophien beherrscht wird: Polytheismus und Pluralismus, Gnosis, Stoizismus, Epikureismus – eine intellektuelle Welt, die dem Evangelium von allen Seiten Widerstand entgegenbringt.

Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Zerstörung von Festungen; so zerstören wir Vernünfteleien und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi. (2. Korinther 10,3–5)

Das Bild ist militärisch und kämpferisch – Paulus beschreibt keine fromme Passivität, sondern ein aktives Niederreißen von Gedankengebäuden. Doch was ist die Waffe, von der er spricht? Es ist das Evangelium selbst, das Wort Gottes – jenes Schwert des Geistes, das er andernorts im Epheserbrief (6,17) beschreibt. Keine politische Macht, kein gesellschaftlicher Einfluss, kein rhetorischer Trick – sondern die Botschaft von Jesus Christus, die die tiefsten Fragen des menschlichen Herzens beantwortet.

„You can’t fight something with nothing“

Ein wichtiges Prinzip folgt unmittelbar daraus: Diese Art von geistigem Kampf ist nur möglich, wenn man selbst weiß, wo man steht und was man glaubt. Man kann eine Weltanschauung nicht widerlegen, wenn man keine eigene hat. Man muss in der Lage sein zu erklären, wie das Evangelium die Weltanschauung des Gegenübers überwindet – wie das Wort Gottes die Fragen beantwortet, die jene Philosophie stellt, und wie es die Sehnsüchte erfüllt, die ihr zugrunde liegen.

Dabei darf man nicht vergessen: Wenn man eine Weltanschauung niederreißt, braucht man etwas, das an ihre Stelle treten kann. Unser Auftrag ist nicht nur das Niederreißen, sondern auch das Aufbauen mit der Lehre der Apostel – Paulus selbst hält fest, dass die Vollmacht, die ihm gegeben wurde, dem Aufbauen dient, nicht dem Niederreißen (V. 8). Das Ziel des Kampfes ist nicht die Vernichtung des anderen, sondern die Bekehrung des Herzens.

Paulus auf dem Areopag: Ein Meisterstück der Weltanschauungsarbeit

Wie das in der Praxis aussieht, müssen wir nicht erraten – die Apostelgeschichte und das gesamte Neue Testament illustrieren es für uns. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Paulus‘ Rede auf dem Areopag in Athen (Apg 17,16–34).

Paulus tritt nicht als Fremder auf, der die Athener von außen beschimpft. Er nimmt seine Zuhörer dort ab, wo sie stehen: Er hat ihre Stadt durchstreift, ihre Altäre betrachtet, ihre Denkweise studiert. Er zitiert sogar ihre eigenen Dichter: „Denn wir sind auch sein Geschlecht“ (V. 28). Doch dann zeigt er, dass ihre eigenen Beobachtungen – die religiöse Unruhe, das Tasten nach dem Unbekannten, die Ahnung einer höheren Einheit hinter allem – in seiner Weltanschauung weitaus besser aufgehoben sind als in ihrer eigenen. Die Götzen, sagt er, lenken lediglich von dem wahren, unsichtbaren Gott ab, in dem wir leben, weben und sind. Er unterwandert nicht ihre Sehnsüchte, sondern erfüllt sie – durch das Evangelium.

Nicht nur fremde Gedanken, sondern auch eigene

Doch der Auftrag geht noch weiter. Es geht nicht nur darum, die Gedanken der anderen Christus zu Füßen zu legen – sondern auch die eigenen. Eine wirklich biblische Weltanschauung muss zu jedem Bereich der menschlichen Existenz eine christliche Sicht und Antwort haben: zur Arbeit, zur Kunst, zur Politik, zur Wissenschaft, zur Familie, zur Zeit.

Ein schönes historisches Beispiel hierfür ist die reformatorische Wiederentdeckung des Berufs als Berufung. In der mittelalterlichen Frömmigkeit gab es im Wesentlichen zwei Stände: den geistlichen Stand der Mönche, Nonnen und Priester – und den weltlichen Stand der einfachen Leute. Nur wer der Welt entsagte und ins Kloster ging, lebte nach dieser Sichtweise wirklich für Gott. Das Milchmädchen, der Schmied, der Bauer – ihre Arbeit galt als geistlich minderwertig. Luther widersprach dem mit aller Entschiedenheit: Jeder Beruf, treu und zur Ehre Gottes ausgeübt, ist ein heiliger Dienst. Das Milchmädchen, das gewissenhaft ihre Arbeit tut, dient Gott nicht weniger als der Mönch in seiner Zelle. Diese Einsicht veränderte nicht nur die Theologie, sondern die gesamte europäische Kultur. Und auch die katholische Kirche hat in Lumen Gentium (1964) erklärte, dass alle Getauften – unabhängig von Stand oder Beruf – zur Heiligkeit berufen sind und ihre weltliche Arbeit damit selbst ein Weg der Gottesverherrlichung ist.

Ein unvollendeter Prozess

Dieser Prozess – über alle Dinge christlich nachzudenken, jeden Lebensbereich unter die Herrschaft Christi zu stellen – ist noch nicht abgeschlossen. Er war es nie und wird es diesseits der Ewigkeit auch nicht sein. Aber er ist der Auftrag jedes Christen. Nicht nur der Theologen, nicht nur der Prediger – sondern jedes Gläubigen in seinem konkreten Alltag, in seinem Beruf, in seinen Gedanken.

„Der ganze Christus für das ganze Leben“ – dieser Ruf, der durch die reformierte Tradition hallt, ist letztlich nur eine andere Formulierung dessen, was Paulus den Korinthern schrieb: Jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi. Das ist keine erdrückende Forderung, sondern eine befreiende Einladung – zu entdecken, dass Christus der Herr ist über alles, was ist, und dass in ihm alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen (Kol 2,3).

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