Mnemo in der Praxis.

Gleich vorweg: Nemo ist nicht krank, er braucht keinen Arzt. Und obwohl es im Folgenden um Routenpunkte geht, haben diese nichts mit der Suche nach Nemo zu tun.

Um was es im folgenden Kurzartikel gehen soll sind die sogenannten „Nmemotechniken“, im besonderen die Routen- und Visualisationstechnik.

Da ich selbst vor meiner Bekehrung ein recht fauler Leser und ein schlechter Merker war, liegt mir dieses Thema ganz besonders am Herzen.
Meine Merkunfähigkeit war so ausgeprägt, dass mein Vater sich beständig über mich ärgern musste. Ohne zu übertreiben war meine Unfähigkeit mir Wichtiges und Unwichtiges zu merken so ausgeprägt, dass man schon von einem Wesensmerkmal meinerseits sprechen konnte. Anders ausgedrückt: So wie Arnold Schwarzenegger früher für seine unglaublichen Muskeln bekannt und weltberühmt war, so war ich für meine Vergesslichkeit bekannt und weltberühmt – zum Leidwesen meiner Eltern.

 

Die Wende

Als ich mich dann bekehrte stieg mein Interesse an der Bibel stetig an. Ich begann zu lesen, immer mehr und begann sogar Freude daran zu haben, etwas das vor meiner Bekehrung undenkbar für mich gewesen wäre. Doch merkte ich bald, dass ich zwar nun viel las, aber im Vergleich dazu wenig behielt. Als ich dann dazu kam Bibelverse auswendig lernen zu wollen, merkte ich bald, dass dies eine sehr mühsame Angelegenheit war. Eine sehr mühsame, nicht lustvolle, trockene, entmutigende Angelegenheit. Ich sah mich bald in der Versuchung es wieder bleiben zu lassen. Da stieß ich auf die sogenannten „Mnemo Techniken„. Techniken, die schon hunderte von Jahren alt zu sein schienen und die bestens funktionierten.

Ich entdeckte, dass ich damit das gelernte Bibelversmaterial in einem Drittel der Zeit lernte und es drei mal besser behielt, als wenn ich es stur vor mich hin wiederholte. Das motivierte mich über die Jahre diese Techniken mehr und mehr, Schritt für Schritt anzuwenden.

 

Die Techniken

Im folgenden sollen zwei dieser Techniken kurz vorgestellt und ihr Einstatzgebiet dargestellt werden.
Das Tolle an Mnemotechniken ist, dass sie relativ leicht zu erlernen und total flexibel anwendbar sind. Man zieht einfach die für die jeweilige Aufgabe passenden Methoden heran, baut diese aus, wandelt sie nach Belieben etwas ab und kann damit enorme Merkerfolge erzielen. Warum das so ist, erkläre ich in einem anderen Beitrag. Hier nur kurz zwei wesentliche Methoden zum besseren Merken:

  • Die Routenpunktemethode, auch Locimethode genannt und
  • Das Visualisieren

Vor nicht allzu langer Zeit fuhr ich auf der Autobahn von einem Seminar in Richtung Heimat. Da mich das Thema Zeitmanagement recht interessiert und ich mir gerade ein eBook diesbezüglich gekauft hatte, beim Fahren aber nicht lesen konnte, ließ ich mir das Ganze von meinem Voice Reader vorlesen. Als ich so dahinfuhr merkte ich beim Zuhören jedoch, dass ich mir wenig von dem Gesprochenen merken konnte. Ich wusste, es lag nicht an der Konzentration beim Autofahren und auch nicht an der elektronischen Stimme des Vorlesegerätes, das für meinen Geschmack ohnehin sehr sehr gut vorlas, es lag an meiner Assoziation.

So spulte ich an den Anfang zurück, stellte die Vorlesegeschwindigkeit etwas herunter und machte mich daran in meinem Auto Routenpunkte zu legen und mir das Gesprochene auf diesen Punkten möglichst grotesk vorzustellen. So hatte ich alsbald Adolf Hitler im linken Eck meines Fahrerpultes stehen, einen kleinen Buddha über den Autoradio sitzen, ein Kreuz vom Rückspiegel baumeln, das in Wahrheit gar nicht dort hing, und Gehirnmasse und ein Serviertablett aus der Belüftungsanlage quellen.

Mit diesen Punkten und Bildern hatte ich mir die ersten paar Seiten des Buches eingeprägt und konnte sie sogar heute nach der Arbeit einem sehr guten Freund bei einer Unterhaltung über das gelesene Buch fehlerlos wiedergeben.

 

Was hatte ich gemacht?

Ich hatte mir das Kapitel „die 12 Mythen über Zeitmanagement“ aus dem Buch „What’s best next?“ von Mat Perman angehört und die zu merkenden Themen auf einer Art Wegstrecke mit markanten Punkten, sogenannten Routenpunkten, in meinem Auto virtuell gespeichert. Routenpunkte, das sind verschiedene markante Punkte in einer vertrauten Umgebung. Deine Wohnung eignet sich dazu beispielsweise am besten. Du bist mit ihr vertraut, kennst sie in und auswendig und kannst sie jederzeit bei verschlossenen Augen im Geist „abschreiten“, egal wo du dich gerade befindest. Ein markanter Punkt in diesem Raum könnte bspw. die Eingangstür oder die Türklinke, ein Lichtschalter, die Wanduhr oder der Garderobenhaken sein. Auf diesen Punkten legt man dann im Geist bestimmte Bilder ab. Dabei ist es unwesentlich wie man diese Bilder dort ablegt, man muss sie sich nur räumlich ungefähr an diesen Orten vorstellen. So merkt man sich den Ablauf einer Geschichte, die Gliederung eines Buches, einer Predigt oder eines Bibelverses bis ins Detail sehr einfach, schnell und viel langfristiger. Das Tolle daran ist, dass man im Geist im Bruchteil von Sekunden die Routenpunkte durchfliegen kann und die Abfolge sofort wieder im Gedächtnis hat, dynamisch zurück und vor springen kann, wie man möchte und das alles mit einer sehr hohen Geschwindigkeit.

 

Welche Bilder man am besten nimmt

Das Bild sollte mit dem Inhalt dessen was gemerkt werden soll in Verbindung stehen. Wichtig dabei ist, dass die Verbindung nicht direkt ist, sondern möglichst kreativ. Je schräger und emotional eindrücklicher, desto besser. Um die Bilder langfristig im Gedächtnis zu verankern ist es gut sich mehrere Details vorzustellen. Am besten ist, wenn diese Details deine verschiedenen Sinne ansprechen, so merkst du es dir noch viel schneller und besser. Ich mache das, wenn mir auffällt, dass ich mir ein Bild einfach nicht merken kann. Ich stelle mir dann vor wie es da wohl riechen muss, was für Hintergrundgeräusche die vorgestellte Szene hat oder welche Details ich dort sehe. Da sich das Gehirn emotional geladene Ereignisse am besten merkt, ist es auch gut die Szenen mit Emotionen zu versehen.

An meiner kleinen Autogeschichte soll verdeutlicht werden wie das gemeint ist. In der unten stehenden Tabelle kannst du sehen welche Punkte aus dem Buch ich mir gemerkt hatte: Links siehst du den gemerkten Inhalt, rechts das dazu assoziierte Bild.


Zu merkender Inhalt Assoziiertes Bild
„Productivity is about getting the right things done“ Adolf Hitler mit ausgestrecktem rechten Arm
„A right understanding of the Gospel is necessary for our productivity“ Ein afrikanischer Gospelchor mit einer Bibel in der einen und einem Abschlusszeugnis für Theologie in der anderen Hand
„Productivity comes not from tight control; when motivated, we don’t need to control ourselves“ Ich, eingeklemmt in der Smartphonehalterung meines Autos, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Productivity is not about our peace of mind, but about serving others“ Ein Stück Gehirn (piece of mind) das aus der Lüftung hervorquillt, daneben in den Lüftungsschlitzen steckend: ein Tablett (to serve others).

 

Wie man sieht können diese Assoziationen oft recht eigenartig sein. Desto weniger die Bilder direkt mit dem Inhalt des zu merkenden Materials zu tun haben, desto besser merkt man es sich. Das erste Beispiel verdeutlicht dies. Es ging darum, dass Produktivität damit zu tun hat das Richtige zu tun. Natürlich halte ich Adolf Hitler für absolut verwerflich und bin in keinster Weise ein Fan von ihm. Die Verbindung von „right“ (richtig) mit „right“ im Sinne von „Rechtsradikal“ bietet sich hier aber super an. Dadurch dass dieser Mensch ein solch rotes Tuch ist und viele negative Emotionen hervorruft ist garantiert, dass der mit ihm verknüpfte Merkstoff auch sicher hängen bleibt.

Ähnlich auch beim letzten Punkt, dem „Peace of mind“, also dem inneren Frieden. Hier ist die Verknüpfung ein Wortspiel verbunden mit ekelerregender Gehirnmasse. Das Wortspiel mit dem Englischen „Peace“ = „Friede“ und „Piece“ = „Stück“ verwendete ich so, dass ich mir ein Stück Gehirn vorstellte das aus der Lüftung quoll. Das Tablett daneben symbolisierte die dienende Haltung, im Englischen: „to serve“ = „servieren“.

Man sieht also, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und was hier mit vielen Wörtern erklärt werden musste lässt sich auf Grund der erstaunlichen Kapazität unseres Gehrins sich Dinge in Sekundenschnelle vorzustellen, in der Praxis super leicht anwenden. Probier es doch einfach einmal aus.

 

Literatur zum Thema

Literatur zum Thema Mnemotechniken findet man bei Ulrich Bien, oder Gunther Karsten.
Und wer nach diesem Artikel an der Effektivität der vorgestellten Methoden zweifelt und sie für albern hält, dem sei gesagt: Ich kenne jemanden persönlich, der damit die ersten Acht Kapitel des Römerbriefes im Nu Vers für Vers auswendig gelernt hat.
Sollte das nicht Motivation genug sein, sich nicht doch einen Ruck zu geben und es auch auszuprobieren?

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