Gemeindegründung – 3 – Sich die Vision zu eigen machen – 2/3 – Deinen Kontext verstehen

Nachdem wir uns im letzten Beitrag mit der biblischen Grundlage beschäftigt haben, wollen wir jetzt den Kontext genauer untersuchen. 

Der Fokus von Tim Keller liegt auf der Stadt. Die Ausführungen in diesem Artikel werden sich deshalb mit diesem Kontext beschäftigen. In der Anwendung auf andere Kontexte muss dies berücksichtigt werden.

Die Stadt – eine biblische Sicht

Die Stadt muss uns am Herzen liegen, weil sie Gott am Herzen liegt. Wir sehen in der Bibel am Anfang einen Garten und am Ende eine Stadt (Hb 11,10; Offb 21). Gott ist ein Stadt bauender Gott. Die Gemeinde selbst wird als Braut Christi als Stadt dargestellt. Schon im ersten Kapitel der Bibel erhalten die Menschen den Auftrag, Zivilisation zur Ehre Gottes zu schaffen (“Seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan” 1. Mose 1,22). Städte bestimmen die Zukunft einer Gesellschaft. Dorthin, wo Städte sich entwickeln, wird sich früher oder später das ganze Land hin entwickeln. Nach dem Sündenfall ist dieser Auftrag nicht verfallen, aber unsere Fähigkeiten, ihn zu erfüllen, sind verfallen. Aber Gott möchte uns benutzen, sein Erlösungswerk auch auf die Stadt anzuwenden, um sie zu erneuern und zu erlösen.

Von Augustin stammt der Gedanke, dass in jeder Stadt zwei Städte um die Vorherrschaft kämpfen. Zum einen die Stadt des Menschen und zum anderen die Stadt Gottes. Dieser Kampf findet überall im Land statt, aber in den Städten ist er konzentriert und strategisch am wichtigsten.

  1.  Die Stadt ist Zuflucht für Flüchtlinge und Minderheiten. Aber sie ist auch Unterschlupf für Sünder aller Art, die die Anonymität schätzen.
  2. Die Stadt ist Ballungsraum für Talent, Entwicklung, Ideenaustausch, Kooperation, Wettbewerb in Kunst, Wissenschaft, Kultur. Aber die Stadt ist auch Brennpunkt von Burnout, Stolz und Selbstverherrlichung.
  3. Die Stadt ist Anlaufstelle für geistlich Suchende. Der Tempelbau in der Bibel war in der Stadt. Es sollte der zentrale Integrationspunkt für das ganze Leben sein. Aber die heutigen Tempel sind nicht mehr Gott, sondern dem Geld, Erfolg, Menschen und Götzen geweiht.

Einige Menschen werden wir nur in den Städten erreichen können. Säkulare Eliten, Immigranten und die Armen sind hauptsächlich in Städten konzentriert. Städter sind meist offener für neue Ideen und diese können sich hier schneller verbreiten. Im Jahr 300 n. Chr. waren in Städten 50% der Menschen im römischen Reich Christen, während der ländliche Bereich weiterhin heidnisch blieb.

Theologische Dienstmodelle

Auf das Paradigma von H. R. Niehbuhr aufgebaut, kann die Beziehung von Christus zur Stadt nach Harvie Conn in zumindest 5 Gruppen eingeteilt werden (Timothy Keller CPM 2002 p54-55).

  1. Christus gegen die Stadt (Konflikt) – Viele Christen machen die Städte für das Übel in der Gesellschaft verantwortlich. Ländliche Regionen und kleine Städte werden als Bastionen des Glaubens und Humanen gesehen, während große Städte als Motor der Entmenschlichung und Säkularisierung gelten. Diese theologische Perspektive geht davon aus, dass die Gemeinde wenig tun kann, um die Stadt zu ändern, und auch persönliche Evangelisation wird als schwierig bis unmöglich angesehen. Daraus entstehen Gemeinden, die wie Burgen sind, in denen sich Gläubige gegenseitig wärmen können, um in einer kalten Stadt zu überleben. Diese Gemeinden haben keine Vorstellung von dem, was Augustin die “Stadt Gottes” nennt: das Reich Gottes, das sich in jeder Stadt einen Weg bahnt. Dieser Pessimismus ignoriert nicht nur die biblische Lehre von der Gegenwart und dem Fortschritt von Gottes Reich, sondern auch die urbane Erfolgsgeschichte der frühen Kirche. Gemeinden dieser Art haben ein fehlerhafte Sicht von der Gnade Gottes und brauchen aufgrund ihrer Gesetzlichkeit starke Abgrenzung (wir drinnen gegen die draußen) und klare Regeln, um ihren schuldigen Gewissen versichern zu können, dass sie im Grunde in Ordnung sind.
  2. Christus aus der Stadt (Assimilation) – Das andere Extrem sieht jede historische Bewegung gegen die Unterdrückung als Gottes Werk an. Die Gemeinde braucht keine eigene Geschichte als Gottes Volk zu schreiben, sondern soll einfach mitmachen und Freiheitsbewegungen voranbringen. Diese Gemeinden spiegeln dann einfach die liberalen (linken) Aspekte der Kultur wider. Während das “Christus-gegen-die-Stadt-Modell” die “Stadt Gottes” und die Tiefe der Gnade vernachlässigt, verleugnet dieses Modell die “Stadt des Menschen”, das Weltsystem von Götzendienst, Rebellion gegen Gott und die Tiefe unserer Sünde. Diese Gemeinden haben vergessen, dass Herz und Leben bekehrt werden müssen. Während das erste Modell die Souveränität Christi über die ganze Welt verleugnet, verleugnet das zweite Modell die Einzigartigkeit Christi in der Welt. Das Resultat sind Kirchen die nur Sozialzentren, politische Aktivisten oder Konzerthallen sind. Sie haben nichts Einzigartiges mehr anzubieten.
  3. Christus über der Stadt – Dieses Modell sieht die Stadt als einen guten Ort, an dem Christen wachsen und leben können, aber beschäftigt sich nicht mit der Gebrochenheit der Stadt. Die Mitglieder benutzen die Stadt als Chance zur Selbstverbesserung, aber geben wenig zurück. Diese Gemeinden evangelisieren und mögen auch wohltätig sein aber sie bilden ihre Mitglieder nicht aus und fordern sie nicht heraus, den sozialen Problemen mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu begegnen oder durch ihren Beruf, die Kultur zu verändern. Es geht um einen privaten, individualistischen Glauben. Daraus entsteht eine christliche Subkultur, allerdings eine offenere als in Modell 1. Es sieht die Stadt positiver als Modell 1, aber individualistischer als Modell 2. Auf der einen Seite erkennt es die Einzigartigkeit Christi und die Wirklichkeit von Sünde und die Notwendigkeit von Bekehrung an, auf der anderen Seite kennt es die gegenwärtige Macht von Gottes Reich, Herzen und soziale Strukturen zu verändern, nicht. Dieses Modell tendiert auch dazu, Sünde als persönliche moralische Fehler zu sehen anstelle von götzendienerisches Vertrauen auf Wohlstand, Schönheit, Macht und Bequemlichkeit. Die Mitglieder können zwar moralisch rein sein, aber trotzdem sehr weltlich darin, wie sie ihre Zeit und Ressourcen verwenden.
  4. Christus und die Stadt als Paradoxon (Pilger und Exilanten) – Das Pilgermodell hat ein besseres Verständnis von der Gegenwart und Wirklichkeit der “Stadt Gottes” und der bösen und götzendienerischen “Stadt des Menschen” als die Modelle 1-3. Es erkennt die Gebrochenheit der Stadt und die lebensverändernde Kraft Gottes an. Aber in diesem dualistischen Modell bleiben diese beiden Kräfte sehr getrennt. Die Gemeinde ist wie ein Feldlazarett an der Grenze für die Menschen, die sie finden. Vorherrschend ist die Dringlichkeit, Menschen körperlich und geistlich heilen zu müssen und die Mitglieder auch in verschiedenen Diensten dafür zu mobilisieren. Dieses  Modell ist realistischer, was den Einfluss der Sünde angeht, als Modell 2 und 3. Es beschäftigt sich auch viel mehr mit dem Leben der Menschen als Modell 1 und ist viel besser als die ersten 3 Modelle. Aber es fehlt die Hoffnung auf bleibende strukturelle Erneuerung der Stadt in kultureller und sozialer Hinsicht. Die pessimistische Ausrichtung sieht mehr zurück auf eine verlorene moralische Vergangenheit als auf den Triumph von Gottes Reich in der Zukunft. Es sieht auch die Menschen in der Stadt nicht als Partner in diesem Bauprojekt. Es fehlt an Glauben an die Verheißungen über das Reich Gottes. Es sieht Christen vor allem als Pilger, die auf der Durchreise sind und den armen Bewohnern helfen, anstelle von Einwohner eines zukünftigen, kommenden Reichs.
  5. Christus transformiert die Stadt – Dieses Modell ist schwer zu beschreiben. Harvie Conn schreibt über das Transformations-Modell: “Es ist am hoffnungsvollsten und ganzheitlichsten bezüglich seiner Mission in der Stadt.” Die anderen Modelle tendieren dazu, das Erlösungswerk Christi nur in Bezug auf die persönliche Vergebung von Sünde und das Leben im Himmel zu sehen, aber die Bibel sagt uns, dass Gottes großes Ziel mit der Schöpfung die vollständige Wiederherstellung ist. Das Buch der Offenbarung zeigt uns dieses größte Ziel der Erlösung in der Stadt Gottes (Offenbarung 21,2), die der wiederhergestellte Garten Eden ist, eine Gartenstadt mit dem Baum des Lebens, der die Nationen heilt (Offenbarung 22,2).

(Timothy Keller CPM 2002 p54-55)

Aus Punkt 5 hat Redeemer 3 Modelle für Gemeinden im urbanen Kontext entwickelt.

  • Kreuzungs-Gemeinde – Urbane Fachleute, Evangelisation und nach außen orientiert, professionelle Aufmachung.
  • Gemeinschaftsbasierte Gemeinde (Parish) – Arme, Regionale Gemeinde, die sich der regionalen Problemen annimmt.
  • Multikulturelle Gemeinde – Bunte Gemeinde, Immigranten, Arbeiterklasse.

Obwohl ich es begrüße, dass auf den lokalen Kontext eingegangen wird und man sich bewusst sein muss, dass die Stilmittel, die man wählt für bestimmte Gruppen anziehender sind als für andere,  bin ich mir nicht sicher, ob es diese Konzepte braucht oder ob wir nicht versuchen sollten,  Gemeinde für alle zu sein.

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Welche Schwierigkeiten erwarten uns in dieser Nachbarschaft? Welchen strategischen Wert für zukünftige Gründungen hat diese Nachbarschaft?

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Welche Gemeinden gibt es bereits? Wie viele Menschen besuchen diese Gemeinden? Welche Altersgruppen, sozialen Schichten und Ethnien werden von diesen Gemeinden erreicht? Welche Dienste sind am effektivsten?

Diese und weitere Fragen über deine Nachbarschaft solltest du dir stellen, wenn du mit dem Planen für eine Gemeindegründung beginnst.

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