Die Freude an Gott — Unser höchstes Ziel

Die erste Frage im Kürzeren Westminster Katechismus (1647) lautet: „Was ist das höchste Ziel des Menschen?“ mit der Antwort: „Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.“ 

Der Katechismus führt die folgenden Belegtexte für diese Frage an: Ps 86; Jes 60,21; Rö 11,36; 1Kor 6,20.31; Offb 4,11; 2. Ps 16,5–11; 144,15; Jes 12,2; Lk 2,10; Phil 4,4; Offb 21, 3–4.  Es gibt aber noch einen weiteren höchst aufschlussreichen Text, der für uns aufzeigt, dass es „das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen“ und zwar 5. Mose 28, 45-48. 

„Und alle diese Flüche werden über dich kommen und dich verfolgen und einholen, bis du vertilgt sein wirst, weil du der Stimme des Herrn, deines Gottes, nicht gehorsam gewesen bist, seine Gebote und Satzungen zu befolgen, die er dir geboten hat; 46 und sie werden als Zeichen und Wunder an dir haften und an deinem Samen ewiglich. 47 Dafür, daß du dem Herrn, deinem Gott, nicht gedient hast mit fröhlichem und bereitwilligem Herzen, als du an allem Überfluß hattest, 48 mußt du deinen Feinden, die der Herr gegen dich senden wird, dienen in Hunger und Durst, in Blöße und in Mangel an allem; und er wird ein eisernes Joch auf deinen Hals legen, bis er dich vertilgt hat.“

5. Mose 28, 45-48; SCH2000

Dieser Text macht deutlich: Die Freude am Herrn ist der Inbegriff der Bundesbeziehung zu Gott. Vers 47 zeigt auf, dass die Freude am Herrn die menschliche Seite des Bundes ist, den Gott mit seinem Volk macht. Nichts macht deutlicher, dass der Mensch in einer lebendigen Beziehung zu Gott steht, als seine Freude am Herrn!

Dass diese Aussage ausgerechnet aus dem „Buch des Gesetzes“ (wie das Buch Deuteronomium bzw. 5.Mose ja auch genannt wird) abgeleitet werden kann, macht die Schlussfolgerung um so deutlicher, dass schon im AT Frömmigkeit und eine Beziehung zu Gott nicht aus bloßem Gehorsam oder dem herzlosen Befolgen von irgendwelchen Geboten bestand. Eine Beziehung zu Gott ist damals wie heute eine Herzensangelegenheit. Die Reaktion auf das göttliche Heil zeigte sich damals wie heute in einer Freude, Liebe, Ehrerbietung und Wertschätzung Gottes, die dem Herzen entspringt. Diese Freude an Gott, Liebe für Gott, Sehnsucht nach Gott und Wertschätzung Gottes übersteigt dabei die Wertschätzung, Sehnsucht, Liebe und Freude an den Dingen dieser Welt. 

Gründlichere Ausführungen und Ableitungen dieser Schlussfolgerungen von 5Mo 28, 45-48 können in der Predigt „Die Freude an Gott — Unser höchstes Ziel“ (Video / Audio) nachgehört werden, die zum Ende von 2020 in der Christus Gemeinde Wien gehalten wurde. In dieser Altjahres-Predigt wird auch einmal rückblickend eine Bestandsaufnahme gemacht, wie in den vergangenen 16 Monaten seit Bestehen der Christus Gemeinde Wien immer wieder der Aspekt der „Freude am Herrn“ als Höhepunkt und Ausdruck unserer Beziehung zu Gott in unterschiedlichen Predigten angeklungen ist.

In einer Predigt über die Dreieinigkeit haben wir z.B. gesehen, dass das Herz des christlichen Lebens und des Wirkens des Heiligen Geistes nicht darin liegt, dass wir äußerlich mehr und mehr für Christus leisten, sondern in eine tiefere Liebe für und Freude an Jesus Christus, dem Sohn, geführt werden. Die drei Personen der Gottheit verspüren eine unendliche Freude über einander. Durch das Heilswerk des dreieinigen Gottes werden wir in diese Freude mit hineingenommen. In unserer Liebe und Freude an dem Sohn werden wir dem Vater immer ähnlicher und in unserer Liebe und Freude an dem Vater werden wir dem Sohn immer ähnlicher. Das ist das glückliche Leben, in das der Heilige Geist uns hineinführt. Die Predigt kann hier als Audio und hier als Video nachgehört und -gesehen werden.

In einer weiteren Predigt über wahre „Umkehr zu Gott von den Götzen mit Herz, Hand und Verstand“ (Auslegung von 1Thess 1,8-10; Video; Audio) haben wir uns u.a. auch mit der folgenden These von Thomas Chalmers (1780-1847) beschäftigt: Der beste Weg, die Welt zu überwinden, sind nicht Moral oder Selbstdisziplin. Christen überwinden die Welt, indem sie die Schönheit und Exzellenz Christi erkennen. Sie überwinden die Welt, indem sie etwas sehen, das attraktiver ist als die Welt: nämlich den Herrn Jesus Christus. Chalmers entwickelt diese These in seinem Aufsatz: „The Expulsive Power of a New Affection“ (dt. „Die verdrängende Kraft einer neuen Zuneigung“). Für weitere Ausführungen dieser These siehe auch den Blogartikel „Die verdrängende Kraft einer neuen Zuneigung“.

Die „verdrängende Kraft“, von der Chalmers in diesem Aufsatz spricht, kann vielleicht am besten anhand von dem folgenden Experiment veranschaulicht werden: Wie kann man die Luft aus einem leeren Glas entfernen? Bekannterweise ist es fast unmöglich ein echtes Vakuum in einem Glas zu schaffen. Man kann aber sehr wohl die Luft aus dem Glas verdrängen, indem man es mit Wasser füllt. Es ist genau in diesem Sinne, dass Chalmers sagt: 

„Wir kennen keinen anderen Weg, um unsere Herzen von der Liebe für die Welt frei zu halten, als die Liebe Gottes in unseren Herzen zu (er)halten.“

The Expulsive Power of a New Affection, S. 10

Auch in einer Predigt über die Frage, ob der Mensch frei oder ein Sklave der Sünde ist (Video / Audio), sind wir auf die Freude am Herrn als den Kern unserer Gottesbeziehung gestoßen. Der Titel von Martin Luthers Schrift zu diesem Thema ist vielleicht ein wenig irreführend: „Vom unfreien Willen“. Aber der entscheidende Punkt, den Luther hierin macht ist: Wir sind zwar frei zu sündigen, aber wir entscheiden uns zu sündigen, weil wir sündigen wollen! Somit werden wir der Sklaverei der Sünde nicht entkommen, bis wir neue Sehnsüchte, bzw. eine neue Herrschaft in unserem Leben haben. Luther hat nicht behauptet, dass der Mensch nicht frei sei, das zu tun, was er will. Vielmehr macht Luther in diesem Buch deutlich, dass unsere Entscheidungen bestimmt sind von unseren Sehnsüchten und Begierden. Ganz ähnlich wie Chalmers kam also auch schon damals Luther zu dem Schluss, dass die Sehnsucht nach Gott und Freude an Gott der einzige Ausweg aus der Sklaverei der Sünde sind. 

Ganz ähnlich dachte auch der Reformator Johannes Calvin, wenn er über das „Einssein“ mit Christus das folgende festhält:

„Das heißt, wir sind nicht mit Christus vereint, damit wir etwas anderes als Belohnung erhalten können: den Himmel, Gerechtigkeit, Erlösung oder was auch immer. Wir suchen nicht, wie Calvin es ausdrückte, ‚in Christus etwas anderes als Christus selbst‘. Der große Lohn des Einsseins mit Christus ist Christus selbst. Ihn zu kennen und zu genießen ist das ewige Leben, für das wir gerettet wurden. Aus diesem Grund begann Calvin in seinen frühesten Tagen als junger Gläubiger, sich als ‚Liebhaber Jesu Christi‘ zu identifizieren.“

Michael Reeves und Tim Chester, Why the Reformation Still Matters (IVP, 2016), S. 103

Sei es also der biblische Befund oder das Nachsinnen über die Dreieinigkeit oder die Frage, wie wir die Liebe für die Welt oder die Sklaverei der Sünde überwinden können, diese und andere Nachforschungen bringen uns zu dem Schluss, dass die Freude am Herrn der Inbegriff einer wahren Gottesbeziehung ist und sein muss. 

Aber wie können wir diese Freude anfachen und pflegen? Zum einen sicherlich durch das Bibellesen. In Nehemiah 8 lesen wir, wie die gründliche Auslegung von Gottes Wort durch Ezra in Freude an Gott unter dem ganzen Volk mündete (vgl. Neh 8, 12.18). Und so sollte es unser Anliegen und Ziel beim Bibellesen (oder auch Hören von Predigten) sein, dass dadurch die Freude am Herrn angefacht wird. Wir machen es uns z.B. zum Ziel, Gottes Wort zu lesen, um IHN in seiner ganzen Herrlichkeit zu sehen. Wir bitten den Herrn, dass wir durch die Predigt oder unser Bibellesen darüber zum Staunen gebracht werden, wie Jesus die Erfüllung der ganzen Schrift ist, oder zu der Erkenntnis, welch ein reiches Leben sich in unserer Verbundenheit mit Christus–ER in mir und ich ihn IHM–eröffnet. In dem Blogartikel Zehn Ziele beim Bibellesen werden diese und viele weitere Ziele und Gebetsanliegen für die Bibellese aufgelistet, die uns darauf ausrichten, dass die Bibellese und Predigt unsere Freude am Herrn anfacht. 

Als ein weiteres Mittel, meine Freude am Herrn anzufachen, dient vielleicht auch das Lesen von Biographien oder Tagebucheinträgen von Männern und Frauen, die persönlich aus dieser innigen Freude, Sehnsucht und Leidenschaft für Gott heraus gelebt und dem Herrn gedient haben. Ein Beispiel für solch eine Sammlung von Tagebucheinträgen ist die neue Blogserie „‚Himmlische Quellen‘ — Geistliche Einblicke Andrew Bonars“, in der 53 Kapitel des gleichnamigen Büchleins von Bonar übersetzt werden. Es tut einem gut, in die Vision und die Einblicke, die jemand wie Bonar über Gott und das Wesen seiner Gnade hatte, durch solche Zitatensammlungen mit hineingenommen zu werden. 

Aber auch sonst gibt es einige gute Bücher, die zu empfehlen sind, um diese Vision der Größe, Herrlichkeit, Schönheit und Liebenswürdigkeit Gottes anzufeuern und so zu einer tieferen Freude am Herrn zu finden. 

Für jene, die gut Englisch können (Warnung: dies ist wohl eines der schwersten Bücher, das ich je auf Englisch gelesen habe!) wäre hier Jonathan Edwards Klassiker Religious Affections zu empfehlen.

Eine neuere Ausführung und Aufbereitung der These von Edwards, dass sich an unseren ‚religious affections‘ (unseren religiösen Zuneigungen) für Gott messen lässt, wie es um unsere Beziehung zu Gott steht, findet sich in John Pipers vor 35 Jahren erschienenen Klassiker Sehnsucht nach Gott (3L Verlag, überarbeitete Ausgabe, 2019).

Ganz ähnlich wäre hier J.I. Packers Gott erkennen (Heroldverlag, 2. Edition, 2019) sehr zu empfehlen.

Abschließend dürfen hier aber nicht die Einblicke von dem Puritaner John Owen Die Herrlichkeit Christi (3L Verlag, 2013) fehlen. Owens Präsentation der Herrlichkeit Christi führt seine Leser in eine tiefe Freude und Staunen über Jesus Christus. 

So schließe ich mit zwei Fragen:

  • Was ist das höchste Ziel des Menschen? Das höchste Ziel des Menschen ist eindeutig, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.

Aber das bringt auch die Frage auf:

  • Was unternehmen wir dann, um mit diesem höchsten Ziel, „Gott zu verherrlichen und uns für immer an ihm zu erfreuen“, weiter zu kommen? 

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