Säkularität und Kirchenmusik
Secularity and the Problem of Church Music
Zusammenfassung

John Ahern untersucht die moderne Spannung zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft in der amerikanischen Kirchenmusik und diagnostiziert ihre Wurzeln in der Säkularisierung.
Das zentrale Problem
Ahern identifiziert ein scheinbar unlösbares Dilemma: Während frühere Epochen Kirchenmusik schufen, die gleichzeitig traditionell und zeitgenössisch war, müssen wir heute zwischen diesen Polen wählen. Am Beispiel von Bachs “Wachet auf” zeigt er, wie eine bekannte Choralmelodie in neue, zeitgenössische Komposition eingebettet wurde. Für das ursprüngliche Publikum war die Hymne übermäßig vertraut, während Bachs Komposition völlig neu war – eine Erfahrung, die wir heute nicht replizieren können.
Die anti-traditionalistische Tradition
Ironischerweise widerspricht “Traditionalismus” der eigentlichen Tradition westlicher Kirchenmusik. Johannes Tinctoris schrieb im 15. Jahrhundert, dass “es keine Komposition gibt, die über vierzig Jahre alt ist und von Gelehrten als aufführungswürdig erachtet wird”. Jede Generation bevorzugte zeitgenössische Komponisten und verwarf ältere Werke. Traditionalismus selbst ist also ein modernes Phänomen, ermöglicht durch Notendruck, Musikwissenschaft und romantisches Interesse an historischer Rekonstruktion.
Modernität und Entzauberung
Ahern argumentiert, dass beide Lager – “zeitgenössisch” und “traditionell” – auf dasselbe moderne Problem reagieren: “die zunehmende Nichtverfügbarkeit der früheren Sprachen objektiver Referenz, verbunden mit heiliger Geschichte, den Korrespondenzen, der Großen Kette, ist die unausweichliche Konsequenz der Entzauberung”. In säkularen Zeiten fehlt uns die Sprache, um transzendente Realitäten auszudrücken, ohne in Archaismus zu verfallen.
Die Entfremdung von Musikproduktion
Das Kernproblem liegt tiefer: Moderne Menschen sind von der Musikproduktion selbst entfremdet. Ahern beobachtet, dass “wo unsere Vorfahren Musik genossen, indem sie sie machten, genießen wir Musik, indem wir anderen zuhören, wie sie sie machen”. Diese Entfremdung ist beispiellos – selbst Aristoteles ging davon aus, dass normale Menschen Musik durch eigenes Musizieren erleben.
Mit C.S. Lewis’ Analogie zur Sexualität fragt Ahern, ob wir nicht ein seltsames Land sind, das “ein Theater füllen könnte, indem man einfach einen bedeckten Teller auf die Bühne bringt” – wir konsumieren Musik passiv statt sie aktiv zu schaffen.
Lösungsansätze
Ahern schlägt drei Wege vor:
1. Psalmengesang wiederbeleben: Durch tägliche Morgen- und Abendgebete, eine Praxis aus der frühen Kirche und der magistralen Reformation
2. Musikbildung investieren: Inspiriert von kolonialen amerikanischen “Singschulen”, die eine Generation transformierten, sollten Kirchen in Chorschulen und musikalische Bildung investieren
3. Das Cantus-firmus-Prinzip anwenden: Wie Bach sollten wir “ein neues Lied zu Jahwe singen”, indem wir zeitgenössische Musik schaffen, die respektvoll die Vergangenheit einbezieht – traditionelle Melodien in neue Kompositionen einbetten
Aherns Kernthese: Die Krise der Kirchenmusik spiegelt die umfassendere soziale Desintegration der Moderne wider, wo Gemeinschaft durch Konsum ersetzt wurde.
