Warum der Westen wirklich den Glauben verlor: Mary Eberstadts Neubewertung der Säkularisierung

In ihrer bahnbrechenden Analyse zur Krise des westlichen Christentums stellt die US-amerikanische Kulturkritikerin und Autorin Mary Eberstadt eine der festgeschriebensten Annahmen der Moderne infrage. Während soziologische Standardmodelle den Niedergang des Glaubens meist als unaufhaltsames Nebenprodukt von Wohlstand, Bildung und wissenschaftlichem Fortschritt deuten, vertritt Eberstadt – anknüpfend an ihr Werk How the West Really Lost God (2013) – eine radikal andere These: Der Rückgang der kirchlichen Praxis im Westen ist primär das Ergebnis des Zerfalls der traditionellen Familie, ein Prozess, der durch die sexuelle Revolution der 1960er-Jahre drastisch beschleunigt wurde.

1. Widerlegung der Wohlstandsthese

Eberstadt zerpflückt zunächst das vorherrschende Paradigma der Soziologie, wonach materieller Wohlstand Gott schlicht überflüssig mache („material prosperity drives out God“). Historische und statistische Evidenzen zeichnen ein völlig anderes Bild:

  • Kein Zusammenhang zwischen Armut und Religiosität im Westen: Empirische Daten belegen, dass sozial schwächere und weniger gebildete Schichten im Westen heute eine geringere Kirchgangsrate aufweisen als Angehörige der wohlhabenderen Mittel- und Oberschicht.
  • Relativierung historischer Einschnitte: Zwar räumt Eberstadt ein, dass die psychologischen Traumata der beiden Weltkriege, die Industrialisierung sowie die zunehmende Massenmobilität Spuren im religiösen Leben hinterließen; als Hauptursache für den kollektiven Glaubensverlust greifen sie jedoch zu kurz.

2. Die Kernursache: Das Zerbrechen des familiären Fundaments

Der eigentliche Wendepunkt vollzog sich laut Eberstadt nicht in den Forschungslaboratorien oder den Börsensälen, sondern in den Familienstrukturen. Sie macht die Jahre zwischen 1963 und 1966 als Epizentrum dieses Umbruchs aus:

Originalzitat: „Everyone looking at this puzzle sees the same thing. Belief and practice across the West enter steep decline between 1963 and 1966.“ („Jeder, der sich mit diesem Rätsel befasst, sieht dasselbe: Glaube und religiöse Praxis geraten im gesamten Westen zwischen 1963 und 1966 in einen steilen Niedergang.“)Quelle: Mary Eberstadt, Ramsay Lecture / Campion College Event, Sydney (Oktober 2022)

Der Zusammenhang zwischen Familie und Gottesglaube ist für Eberstadt organischer Natur. Fällt die Familie als Ort erfahrbarer Liebe, Vaterschaft und Mutterschaft weg, verblasst auch die menschliche Vorstellungskraft für das Göttliche:

Originalzitat: „Western Christianity is in decline for reasons that have nothing whatever to do with the truth value of religious belief. It is not prosperity that makes God harder to see, it’s not science; it’s the increasing absence of familial figures who serve to sharpen the human vision of the divine.“ („Das westliche Christentum befindet sich aus Gründen im Niedergang, die überhaupt nichts mit dem Wahrheitsgehalt des religiösen Glaubens zu tun haben. Es ist nicht der Wohlstand, der Gott schwerer erkennbar macht, und es ist nicht die Wissenschaft; es ist das zunehmende Fehlen familiärer Bezugspersonen, die dazu beitragen, den menschlichen Blick für das Göttliche zu schärfen.“)Quelle: Mary Eberstadt, Vortrag am Campion College (2022)

3. Empirische Evidenz und moderne Herausforderungen

Wie drastisch sich dieser Wandel vollzieht, illustrierte Eberstadt am Beispiel Australiens. Laut Zensusdaten identifizierten sich 1971 noch 86 % der Australier als Christen – heute sind es unter 44 %.

Originalzitat: „In effect, the percentage of the Australian population calling itself Christian has been cut in half in 50 years.“ („Im Grunde hat sich der Prozentanteil der australischen Bevölkerung, der sich als christlich bezeichnet, innerhalb von 50 Jahren halbiert.“)Quelle: Mary Eberstadt, Sydney Address (2022)

Zusätzlich sieht sich der Glaube heute – insbesondere unter Millennials und der Gen Z – neuen Hürden ausgesetzt:

  • Technologischer Wandel: Moderne Technologien begünstigen Lebensentwürfe abseits der Ehe und schwächen so die Bindung an traditionelle Familien- und Glaubensstrukturen.
  • Ideologischer Druck: Eine ausgeprägte Cancel Culture an Universitäten erschwert es jungen Menschen, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen und diesen unbefangen zu leben.

4. Ausblick: Warum die Säkularisierung nicht das letzte Wort hat

Trotz dieser Entwicklung sieht Eberstadt im Niedergang der Kirche kein unausweichliches Schicksal. Die Schattenseiten einer radikal säkularisierten Gesellschaft – wie um sich greifende Einsamkeit, Entfremdung und psychische Krisen – zwingen viele Menschen zur Umkehr.

Originalzitat: „In this struggle between two visions of how to live… the divisiveness of our politics, the shattering of firm identities among the young, mental illness – these are not just car crashes that we should pass by – these are signs. They amount to proof all their own that living without God is not improving Western societies. It is instead tearing some people apart and making many others unhappy.“ („In diesem Ringen zwischen zwei Lebensentwürfen… sind die Spaltung unserer Politik, das Zerbrechen fester Identitäten bei jungen Menschen und psychische Erkrankungen keine bloßen Verkehrsunfälle, an denen wir vorbeifahren sollten – es sind Zeichen. Sie sind der eigenständige Beweis dafür, dass ein Leben ohne Gott die westlichen Gesellschaften nicht besser macht. Es reißt stattdessen manche Menschen auseinander und macht viele andere unglücklich.“)Quelle: Mary Eberstadt, How the West Really Lost God, Public Lecture Sydney (2022)

Diese Wunden der Gegenwart könnten letztlich als Katalysator wirken: Die Suche nach echtem Halt führt Menschen potenziell zurück in Gemeinschaften, die auf starken Familienbanden und tiefem Glauben gründen.