Warum lese ich meine Bibel? – Teil 3

Im Römerbrief 1, 17 heisst es:

„Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

Es ist aus dem Glauben heraus, dass wir uns als vor Gott gerecht wissen dürfen, also gerechtfertigt werden, aber auch dass wir vor Gott gerecht leben, also geheiligt werden.

Nun nimmt der Glaube, der uns in der Heiligung voranbringt, ganz unterschiedliche Facetten an. John Piper, in seinem sehr zu empfehlenden Buch Future Grace: The Purifying Power of Living by Faith, zählt elf dieser Formen auf, in denen sich unser heiligender Glaube manifestiert und erweist.

  1. Liebe für Gott, den Vater und Sohn
  2. Demut vor Gott
  3. Sich Gott Nahen
  4. Aufschreien zu Gott
  5. Ehrfurcht vor Gott
  6. Freude an Gott
  7. Hoffen auf Gott
  8. Bergen bei Gott
  9. Harren auf Gott
  10. Vertrauen auf Gott
  11. Treue zu Gott (und seinen Bund mit uns)

Auf den ersten Blick fragen wir uns vielleicht: wo liegt in diesen elf „Herzenseinstellungen“ (als was ich sie hier einfach mal bezeichnen will) die Verbindung zum Glauben? Piper gibt uns die folgende Erklärung:

„Was all diese Bedingungen gemeinsam haben ist, dass sie innere, geistliche Vorgänge (engl. ‚acts’) in der Seele sind, die auf Gott ausgerichtet sind. . . . Somit stellen all diese Bedingungen eine ganz bestimmt Art des Herzen dar. Sie beschreiben ein Herz, das Gnade empfängt. Dies sind keine Leistungen des Herzen, die Aufmerksamkeit auf unsere Würdigkeit vor Gott lenken, so dass Gott unserem Wert verpflichtet ist. Sie sind Vorgänge (engl. ‚acts’), in denen wir uns von uns selbst und unserer Leere abwenden und zu Gott und allem was er für uns ist hinwenden.

Zum Beispiel, Gott zu lieben und sich an Gott zu erfreuen und sich Gott zu nahen, bedeutet auf Gott als jemanden aufzuschauen, der herrlich, würdig und wertvoll ist. Auf Gott zu harren und sich in Gott zu bergen und auf Gott zu hoffen und aufzuschreien zu Gott bedeutet zu ihm als einen tapferen Retter aufzuschauen. Gott zu vertrauen bedeutet auf seine Vertrauenswürdigkeit zu zählen, dass er alle Bedürfnisse stillen kann. Und Gott zu fürchten bedeutet in Ehrfurcht zu stehen vor der großen Kluft zwischen Gottes Heiligkeit und Macht und meiner Sünde und Schwachheit. Solch ein Herz zu haben ist die innere Bedingung Gottes Bund treu zu sein.

Tatsache ist, wenn du über diese zehn [sic.] Bedingungen nachsinnst, fangen sie an weniger und weniger wie voneinander unabhängige Bedingungen auszusehen und mehr und mehr wie unterschiedliche Beschreibungen von einem Herzen des Glaubens.“ (S. 252)

Wir sehen: der Glaube ist kein Werk an sich, aber die Werke, die Gott wohlgefällig sind und manifestieren, dass Gott in seiner Gnade in meinem Leben am Wirken ist, entspringen einem Herz des Glaubens an Gott.

Und das bringt uns zu der nächsten Frage: was hat die Liste dieser elf Herzenseinstellungen mit meinem Bibellesen zu tun (vgl. Titel dieses Blogeintrags)? Sehr viel! Denn der Glaubensgehorsam in meinem Herzen kommt nicht von allein. Wie Paulus genau 10 Kapitel später im Römerbrief weiter erklärt „kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ (Röm 10, 17). Mit „Predigt“ übersetzt Luther hier ein Wort, das eigentlich wortwörtlich „das Gehörte“ bedeutet. Der Glaube kommt somit aus dem Hören des Wortes Gottes, sei es in Form von der Predigt, dem gemeinsamen Bibelstudium oder dem „Hören“ auf Gottes Wort in der persönlichen Bibellektüre. Sowohl der rettende (rechtfertigende) Glaube als auch der ausgelebte (heiligende) Glaube kommt aus der Beschäftigung mit und dem Hören auf Gottes Wort.

Wenn ich also das AT und NT lese, was für Fragen sollte ich dabei (unter anderem) vor Augen behalten? Ich sollte mir die folgenden elf Fragen stellen:

  1. Wie regt dieser Text zur Liebe für Gott, den Vater, Sohn und Heiligen Geist an?
  2. Wie treibt mich dieser Text zur Demut vor Gott?
  3. Wie lädt dieser Text mich dazu ein, mich Gott zu nahen?
  4. In wiefern lässt dieser Text mich aufschreien zu Gott? Wofür lässt mich dieser Text zu Gott aufschreien?
  5. Wie versetzt dieser Text mich in Ehrfurcht vor Gott?
  6. Was in diesem Text bereitet mir unendliche Freude an Gott?
  7. Wie richtet dieser Text mich darauf aus, auf Gott und ihn allein zu hoffen?
  8. Wie zeigt mir dieser Text, dass ich mich bei Gott sicher bergen kann?
  9. Wie lädt dieser Text mich ein, auf Gott zu harren?
  10. Wie stellt dieser Text unter Beweis, dass Gott absolut vertrauenswürdig ist?
  11. Wie zeigt dieser Text die Bedingungen auf, Gottes Bund treu zu sein?

Warum lese ich also meine Bibel? Ich brauche das Geist erfüllte Lesen und Hören auf Gottes Wort, um ein Herz des Glaubens zu haben, der mich in meiner Heiligung voranbringt.

 

Hier noch mal Piper im Original: „What all these conditions have in common is that they are inner spiritual acts of the soul toward God. They are not outward acts of relationships with other people. Therefore what all these conditions represent is a certain kind of heart. They describe the heart. That receives grace. These are not meritorious performances of the heart that call attention to our worth, so that God will be indebted to our value. They are acts of turning away from self and our emptiness to all that God is for us.

For example, loving God and delighting in God and drawing near to God mean looking to God as beautiful and worthy and precious. Waiting for God and taking refuge in God and hoping in God and crying out to God mean looking to him as a valiant rescuer. Trusting God means counting on his trustworthiness to meet every need. And fearing God means standing in awe at the infinite chasm between his holiness and power on the one hand, and my sin and weakness on the other. Having a heart like this is the inner is the inner condition of keeping covenant with God.

In fact, as you meditate on these ten conditions they begin to look less and less like separate and distinct requirements, and more and more like different ways of describing the heart of faith.“ (S. 252)

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